Ausgabe 01+02/2025: (Un-)Sichtbarkeiten ist erschienen!
Ob im Kontext von Identitätsdebatten, vergeschlechtlichten Arbeitsverhältnissen oder von medialen Diskursen – Sichtbarkeiten wie Unsichtbarkeiten sind konstituierende Elemente von Gesellschaft. Sie ordnen Aufmerksamkeit, definieren Zugehörigkeit, begrenzen und eröffnen Handlungsspielräume. Sie zeigen sich als alltägliche Erfahrung und analytische Herausforderung zugleich.
Reproduktive, informelle und emotionale Arbeit bleiben vielfach unsichtbar, trotz ihrer elementaren Bedeutung für unser Zusammenleben. Unsichtbarkeitserfahrungen durch Illegalisierung, Prekarität oder Wohnungslosigkeit können soziale Teilhabe und Mitbestimmung erschweren bis verunmöglichen. Körperliche Inszenierungen und Lebensweisen jenseits normativer Erwartungen führen ein gesellschaftliches Schattendasein, Gefühle werden privatisiert, bestimmte Wissens- und Bildungsinhalte aufgrund hegemonialer Vorstellungen privilegiert, andere marginalisiert.
Unsichtbarkeiten treten in einer Breite an Effekten auf. Gleichzeitig sind Kämpfe um Sichtbarkeit integraler Bestandteil sozialer Felder: In der Wissenschaft entscheidet Sichtbarkeit über Karrieren – durch Zitationen, Publikationen und Präsenz auf Veranstaltungen–; im Politischen ringen Bewegungen und Institutionen um Auf-merksamkeit, Deutungshoheit und Sprechfähigkeit. Zugleich birgt ein Sichtbar-Machen und -Werden aber auch Risiken: Wer wird exponiert, wer bleibt ungesehen und damit geschützt, wer definiert die Bedingungen der Sichtbarkeit?
In dieser Doppelausgabe des Soziologma-gazins widmen wir uns Sicht- und Unsicht-barkeiten in mehrfacher Hinsicht: Was heißt es, (Un-)Sichtbarkeit soziologisch zu betrachten? Inwiefern können (Un-)Sicht-barkeiten als Kategorie sozialer Ungleichheit beschrieben werden? Welche Asymmetrien stellen (Un-)Sichtbarkeiten her – durch Aufmerksamkeit, Zugang oder Repräsentation? Durch welche Praktiken werden Sicht-, durch welche Unsichtbarkeiten hergestellt und in welchen Machtverhältnissen, Fel-dern und Konstellationen lassen sich (Un-) Sichtbarkeiten beschreiben? Wie wirkt (Un-) sichtbarkeit im akademischen Feld? Und wie schlagen sich Dynamiken der Sicht- und Unsichtbarkeiten in Forschungsinhalten und Methoden nieder? Welche sollten mehr gesehen werden? Und nicht zuletzt, welche nachwuchswissenschaftlichen Perspektiven lohnt es sich, sichtbar zu machen?
In ihrem Beitrag ‚Sichtbarkeiten schaffen. Bodymapping als Methode migrationsbezogener Diversitätssensibilisierung in Chemnitz‘ analysieren Marielena Groos und Floreal Raul Keller, wie kreative, erfahrungsbasierte Methoden zur Diversitäts-sensibilisierung genutzt werden können. Auf der Grundlage von studentischen Lernreflexionen und mithilfe leitfadengestützter Interviews zeigen die Autor*innen, wie Bodymapping zur Entwicklung diversitätssensibler Haltungen beitragen und migrantisches Leben in Chemnitz sicht-bar(er) machen kann.
Vianne Uhls Essay ‚Residential Schools als Orte der (Un-)Sichtbarkeit‘ wirft den Blick wiederum auf Praktiken der Unsichtbarkeit. Aufbauend auf Angela Davis‘ Konzept des Prison Industrial Complex sowie Cárdenas Tomažič’s (Un-)Sichtbarkeitkeitstheorie, beleuchtet sie, welche Rolle Residential Schools in der Unsichtbarmachung der indigenen Bevölkerung Kanadas spielten. Sie fragt, in welchem Zusammenhang Kriminalisierung, (Un-)Sichtbarkeit und koloniale Kontinuitäten stehen. Ihre Analyse ergänzt sie schließlich um einen Erfahrungsbericht, in dem sie Hochschulpraktiken vor einem dekolonialen Diskurs einordnet.
Wie Sicht- und Unsichtbarkeit im (sozial-) wissenschaftlichen Diskurs wirken, welchen Beitrag Zeitschriftenredaktionen bei der Sichtbarmachung von Inhalten spielen und wie es gelingen kann, Räume der Sichtbar- und Wirksamkeit für Early Career Researcher zu schaffen, darüber sprechen Cathrin Mund vom Soziologiemagazin und das Redaktionskollektiv der Debatte. Beiträge zur Erwachsenenbildung.
Und nicht zuletzt schaffen wir eine Plattform für eure Fragen: Drei Artikel erscheinen in unserem freien Teil. Alle stehen sie im Zeichen von Krisen: Klimawandel und Klimawandelleugnung, Kapitalismuskritik sowie der gesellschaftliche Rechtsruck sind die Themen, zu denen wir Einsendungen erhalten haben.
Klara Brachmann analysiert in ihrem Aufsatz ‚This is not a discussion on climate change‘ Klimawandel-Falschaussagen in US-amerikanischen Politik-Podcasts aus systemtheoretischer Perspektive. Mittels einer strukturierenden Inhaltsanalyse zeigt sie einerseits auf, dass klimawandelbezogene Falschaussagen dort vor allem als simple Widersprüche formuliert werden, und liefert andererseits einen mediensoziologischen Beitrag zur qualitativen Untersuchung des Mediums Podcast.
In ‚Raus aus der Krise, rein ins Repair Café. Exploration einer Gestaltung von Transformationspotenzialen‘ beschreiben Josias Bruderer, Yannic Huy, Murhaf Almalek und Andrew Topham auf Basis einer explorativen qualitativen Untersuchung Repair Cafés als Orte der Auseinandersetzung mit Prekaritäten, ökologischen Krisen und sozialer Isolation. Die Autoren argumentieren, dass Repair Cafés zum Erhalt materieller Güter, zur Stärkung sozialer Beziehungen und zur Förderung von Werten wie Nachhaltigkeit, Gemeinschaftssinn und Wissensaustausch beitrügen, was Potenziale für eine nachhaltigere und solidarischere Gesellschaft berge.
Paul Lachmanns Beitrag ‚Antidemokratische Einstellungen, Einsamkeit und Schulbildung‘ präsentiert schließlich erste Ergebnisse aus der Pilotstudie ‚„Was geht?“ – Lebensgefühle junger Menschen des Innovationsprojekts gemEINSAM gegen RECHTS‘. Aufbauend auf bisherigen Forschungsergebnissen zu Einsamkeitserfahrungen und antidemokratischen Einstellungen im Kontext der Corona-Pandemie blickt er auf Erfahrungen von Schüler*innen an berufsbildenden Schulen und zeigt, dass die Schüler*innen aus dem Sample verstärkt traditionell-konservative Werte vertreten, eine höhere Neigung zum Populismus aufweisen und sich politisch weiter rechts verorten. Zudem zeigen sie eine ausgeprägte Präferenz für Parteien des extrem rechten Spektrums. Erlebte Einsamkeit steht in deutlichem Zusammenhang mit diesen Tendenzen.
Zwei Rezensionen gehen in diese Ausgabe ein: Passend zum Schwerpunkt (Un-)Sicht-barkeiten rezensiert Nils Haacke ‚Die Sakra-lisierung der Identität. Eine Soziologie der Identitätspolitik‘ von Marlene Müller-Brandeck. In seiner Auseinandersetzung zeichnet er die Argumentation der Autorin nach, wie und weshalb identitätspolitische Positionen als Semantik sozialer Ungleichheit fungieren. Als zentrale Argumentationsschritte identifiziert Nils Haacke u.a., dass die Unterscheidung zwischen Diskriminierung und Privileg zur neuen Leitunterscheidung erhoben werde, die in einer partikularisierten Gesellschaft Orientierung biete.
Konstantin Schiewer rezensiert die Monografie ‚Dschihadisten. Junge Männer in einer totalen Subkultur‘ von Felix Roßmeißl. Die auf biografisch-narrativen Interviews mit ehemaligen militanten Salafisten sowie auf Analysen von Gerichtsprozessen und propagandistischer Medien basierende Untersuchung biete Konstantin Schiewer zufolge einen informativen Einblick in die Radikalisierung junger Männer.
Allen Beitragenden danken wir herzlich für ihre Einsendungen, den Mut zur Sichtbarkeit und die konstruktive Zusammenarbeit! Allen Involvierten, die dieses Heft durch ihre Beiträge, ehrenamtliche Redaktionsarbeit, Anregungen und kritische Kommentare möglich gemacht haben, sind wir ebenfalls zu großem Dank verpflichtet.
Ein zusätzlicher Dank geht hierbei an den Verlag Barbara Budrich und das Redaktionskollektiv der Debatte für die Zustimmung zur Zweitveröffentlichung des in dieser Ausgabe erscheinenden Interviews.
Unseren Leser*innen wünschen wir viel Freude bei der Lektüre. Vielen Dank für Euer Interesse!
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Die Redaktion (10. Juli 2026). Ausgabe 01+02/2025: (Un-)Sichtbarkeiten ist erschienen! soziologieblog. Abgerufen am 11. August 2026 von https://doi.org/10.58079/16jxj


